Kastration - muss das wirklich sein?


Ein Text von Frank Braun,

Tierheilpraktiker & 2. Vorsitzender des Rassezuchtvereins der Kromfohrländer e.V.

Er spricht mir aus der Seele.


Bei einer Kastration werden der Hündin die Eierstöcke, dem Rüden die Hoden entfernt. Viele Hundehalter meinen noch, bei einer Hündin hieße dieser Vorgang Sterilisation, doch dies ist falsch – auch die Hündin ist kastriert, nachdem ihr die Eierstöcke entfernt wurden.

 

Sterilisation nennt man die Durchtrennung der Keimwege zur Keimdrüse, also wenn beim Rüden die Samenleiter, bei der Hündin die Eileiter durchtrennt werden. Sterilisationen werden in der Tiermedizin kaum noch durchgeführt. Bei sterilisierten Hündinnen könnten Spätfolgen auftreten, die eine Nachoperation erforderlich machten, und sowohl beim Rüden als auch bei der Hündin bliebe ja alles, was von der Natur gesteuert wird, erhalten. Gerade dies aber will Mensch doch meist mit einer Kastration unterbinden.

Welche Gründe gibt es für eine Kastration?

Im Grunde nur einen, der akzeptabel ist: wenn der Hund an einer Erkrankung leidet, bei welcher aus medizinischer Sicht eine Kastration Hilfe, Heilung oder Linderung verspricht, der Hund also einen deutlichen Gewinn davon hat.

 

Beim Rüden:

  • eitrige Vorhautentzündungen, die häufig wiederkehren
  • Veränderungen an den Hoden, auch ein in der Bauchhöhle verbliebener Hoden kann unter Umständen ein Kastrationsgrund sein
  • verschiedene Tumorerkrankungen
  • wenn in der näheren Umgebung sehr viele unkastrierte Hündinnen leben und ein Rüde so sehr darunter leidet, dass er lange anhaltendem, massivem Stress ausgesetzt ist, dadurch nicht mehr richtig frisst und gar sein Immunsystem geschwächt wird
  • wenn ein Rüde im hohen Alter an wiederkehrenden Problemen mit der Prostata oder dem Enddarm leidet

 

Bei der Hündin:

  • wiederkehrende Scheinschwangerschaften, u.a. auch, weil als Spätfolge ein erhöhtes Risiko für bösartigen Milchdrüsenkrebs genannt wird
  • Gebärmutterentzündungen und Vereiterungen, Eierstockzysten
  • zyklusabhängige Gesäugetumoren
  • hormonell bedingte Erkrankungen

Bei Rüden ist der Eingriff relativ harmlos, die Hoden werden in Vollnarkose nach einem Schnitt in den Hodensack entfernt und der Samenstrang wird durchtrennt – das war´s. Bei der Hündin ist jedoch ein Bauchschnitt erforderlich um die beiden Eierstöcke entfernen zu können, der Uteruskörper verbleibt. Wird eine Hündin kastriert, weil sie eine Gebärmutterentzündung-/vereiterung hat, muss auch der Uteruskörper entfernt werden. In diesem Fall können Hündinnen inkontinent werden, also unkontrolliert Urin verlieren, weil mit der Entfernung des Uteruskörpers auch die Resthormonproduktion unterbunden wird.

 

So eine Kastration ist auch keine Kleinigkeit. Zwar sind die Risiken heute viel geringer als früher, doch ein gewisses Restrisiko gibt es bei jeder Operation und bei jeder Vollnarkose – auch der beste Tierarzt kann trotz modernster Operations- und Überwachungstechniken nicht alle Risiken ausschließen. Wundschwellungen und Nachblutungen können vorkommen, evtl. weitere Behandlungen erforderlich machen.

Spätfolgen & Nebenwirkungen

Trägheit, Gewichtszunahme, wucherndes Fell, Ängstlichkeit, gesteigertes Aggressionsverhalten, bei Hündinnen Harntröpfeln im späteren Alter infolge des Östrogenmangels – das kommt alles gar nicht so selten vor, wie manch ein Hundehalter glauben möchte.

 

Jedes Lebewesen produziert weibliche und männliche Hormone in einem ausbalancierten Gleichgewicht. Wird ein Rüde kastriert, hat das nur Einfluss auf die Produktion der männlichen Hormone. Da in der Nebenniere jedoch auch Hormone produziert werden, ist die natürliche Balance zwischen weiblichen und männlichen Hormonen gestört, die weiblichen bekommen die Übermacht. Der Rüde riecht nach einer Kastration also verführerisch weiblich und wird damit äußerst attraktiv für viele andere Rüden.

 

Das „Nasentier“ Hund, das sich sein Gegenüber ja quasi erschnüffelt, wird in die Irre geführt. So hört, liest und sieht man häufig, dass intakte Rüden vermehrt die kastrierten Rüden besteigen wollen, was durchaus zu problematischen Zwischenfällen bis hin zu ernsthaften Auseinandersetzungen und Beißereien führen kann. Erst neulich las ich wieder, dass eine Hundehalterin sich nicht mehr auf den Hundeplatz wagt, weil viele andere Rüden durchdrehen, wenn sie mit ihrem Kastraten auftaucht und sich beide nicht mehr auf die Übungen und Befehle konzentrieren können. Vielleicht ein Einzelfall, wird der ein oder andere Leser sagen – gut möglich, aber weshalb hört man immer häufiger von ähnlichen „Einzelfällen“?

 

Sind sich die Halter von kastrierten Rüden wirklich im Klaren, was sie da ihren, aber ebenso auch fremden Rüden antun? Nicht der intakte Rüde, der den kastrierten besteigen will, ist verhaltensgestört oder sexuell überaktiv, sondern mit dem kastrierten „stimmt was nicht“.

 

Sicher, man hört auch immer wieder, dass nach einer Kastration alles ganz prima, alles bestens ist – aber zuvor weiß das niemand, und es kann auch kein Tierarzt garantieren. Wenn Sie Ihren Hund kastrieren lassen können Sie nicht wissen, ob bei Ihrem Hund alles so sein wird, wie von Ihnen gewünscht, oder ob sich negative Begleiterscheinungen zeigen. Rückgängig machen lässt sich eine Kastration aber nicht mehr. Jeder Hundehalter nimmt mit einer derartigen Operation also einige, nicht unerhebliche, Risiken in Kauf, und wofür? In vielen Fällen nur für die eigene Bequemlichkeit oder aus falschen Erwartungen heraus, die oftmals gar nicht erfüllt werden können.

 

Über den großen Teich schwappt so manches herüber, auch die Mode Hündinnen schon vor der ersten Läufigkeit kastrieren zu lassen. Doch dies ist eine sehr dumme Mode. Selbst einem Fernsehtierarzt habe ich schon staunend zugehört, wie er seinem Publikum die Frühkastration empfahl, mit der Begründung, das Risiko an Gesäugetumoren zu erkranken könne damit minimiert, wenn nicht sogar ausgeräumt werden. Je früher, desto besser, hieß es da, am besten schon vor der ersten Läufigkeit.

 

Aber dieser Tierarzt „vergaß“ zu erwähnen, dass gar nicht jede Hündin Gesäugetumore bekommt und falls doch, dann meistens erst im hohen Alter. Da würde die Kastration doch auch noch in späteren Jahren ihren Zweck erfüllen und die Hündin könnte einige Jahre ein hündisch-normales Leben führen. Zudem ist nur ein kleiner Prozentsatz der Gesäugetumoren hormonell bedingt bzw. zyklusabhängig. Aber nur solche Tumore kann man durch eine Kastration verhindern. Auf die Mehrzahl der bösartigen Gesäugetumoren hat man also mit einer Amputation gar keinen Einfluß. Sie können trotz Kastration entstehen.

 

Einen Hund vor Eintritt der Geschlechtsreife frühzeitig kastrieren zu lassen bedeutet auch einen großen Einschnitt in die Entwicklung. Die Pubertät mit ihren hormonell bedingten Einflüssen gehört zur gesunden körperlichen Entwicklung und auch zur geistigen Reife einfach dazu.

 

Ein weiterer negativer Punkt der in Mode gekommenen Frühkastration betrifft das Knochenwachstum bei mittelgroßen und großen Hunderassen. Der Epiphysen-Fugenschluss verzögert sich, die Wachstumsfugen der Röhrenknochen verschließen sich erst verspätet, die Körpergröße und das Körpergewicht passen somit nicht immer zum Status der Knochen und Gelenke und können als Folge vorzeitige und vermehrte Arthrosen haben. Arthrosen sind sehr schmerzhaft.

Das Tierschutzgesetz

Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet u.a. die vollständige oder teilweise Amputation von Körperteilen. Kastrationen gelten im Tierschutzgesetz ebenfalls als Amputation. Eine Ausschlussklausel besagt, dass eine Amputation zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung erlaubt ist. Unkontrolliert fortpflanzen kann sich eine Katze, die freien Auslauf hat, nicht aber ein Hund unter menschlicher Kontrolle.

 

Hundehalter, die ihren Hund ohne medizinische Indikation kastrieren lassen, verstoßen gegen das Tierschutzgesetz und machen sich strafbar. Doch vielen Hundehaltern ist gar nicht bewusst, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen. Zudem, der Tierarzt hatte keine Einwände, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Ja, der Tierarzt weiß aber auch genau, dass sein Kunde den Tierarzt wechseln wird, falls er ihm die Kastration verweigert, und die Einnahmen hat dann eine andere Tierarzt-Praxis. Und überhaupt, dass man sich strafbar mache, hat man ja noch nie gehört. Tja – wo kein Kläger, da auch kein Richter.

 

Ein Hund hat genauso wie wir Menschen einen hormonell bedingten Stoffwechsel. Dieser gehört zu seinem Leben, beeinflußt auch Entwicklung, Verhalten und Wesen. Wenn wir einen Hund zu uns holen, ein lebendiges Wesen, das fühlt, empfindet, von Trieben gelenkt wird, dann können wir doch nicht einfach so über die Natur dieses Lebewesens hinweggehen, uns das von diesem Tier nehmen, was uns gefällt und genehm ist, und das, was missfällt oder weniger genehm sein sollte, einfach wegoperieren lassen.

 

Leidet ein Hund, egal ob physisch oder psychisch, und eine Kastration verspricht Hilfe, dann sollte man seinem Hund diese Hilfe auch gewähren – aber nur dann und niemals aus menschlicher Bequemlichkeit heraus.


Quelle: https://kromfohrlaender.de/gesundheit/kastration-muss-das-wirklich-sein/