Eignet sich ein Kromi als allererster Hund?

Nicht unbedingt, würde ich sagen.

Ich habe damals oft gelesen, dass Kromis leicht erziehbar seien und sich daher wunderbar als Anfänger-Hunde eignen würden.

 

Aus heutiger Sicht, nach über sechs Jahren und mit zwei Kromis in meinem Leben, kann ich das nicht so umkommentiert stehen lassen.

 

"Der reinrassige Kromfohrländer ist seinem Wesen nach ein anpassungsfähiger, sensibler, temperamentvoller, verschmuster und auch kecker Hund mit Terrierblut und einem ausgeprägten Will-to-please." Das sagt doch eigentlich schon alles: Da treffen Charakterzüge aufeinander, die ein Stückweit unterschiedliche Behandlung erfordern.

 

Ja, es stimmt. Ein Kromi lernt sehr schnell. (Entgegen der ersten Annahme ist das aber nicht nur von Vorteil.) Auch fügt er sich total problemlos in das Leben seiner Menschen ein. Hast du ihn in der Sozialisierungsphase an alles gewöhnt, was zu deinem Leben gehört, wird er dir unterwegs stets ein unauffälliger, angenehmer Begleiter sein.

 

Aber die Eigenschaften sensibel, temperamentvoll und keck ergeben zusammen mit dem Terrierblut eine nicht immer ganz einfach zu händelnde Mischung:

 

Kromis sind sehr sensibel. Sie spüren es sofort, wenn es ihrem Menschen nicht so gut geht. Und man hat das Gefühl, sie leiden mit uns. Geht es uns schlecht, geht es einem Kromi meist ebenso. Sie spiegeln uns, unser Seelenleben und unser Verhalten echt extrem wieder. Mit hektischem oder aufgeregtem Handeln können sie daher nichts anfangen.

 

Aber sie sind auch anderweitig sehr sensibel. Sie verstehen es überhaupt nicht, wenn sie angeschrien werden. Oder wenn sie körperlich zu hart angefasst werden. Oder wenn sie nicht beachtet werden. Anderseits stehen sie oft derart "unter Strom", das man mit der "Wattebäuschchen-Methode" kaum zu ihnen durchdringt.

 

Wenn dann noch das eigenständige, oftmals auch dickköpfige Handeln des Terriers dazu kommt, muss man es möglichst umgehend schaffen, ihnen ganz klar zu verdeutlichen, wer in dem Team die Hosen an hat. Im besten Fall bist du das. Sonst hast du bald keine Chance mehr. Da Kromis auch noch sehr flink und wendig sind, schaffen sie es immer wieder, sich uns und unserem körperlichen Eingreifen (z.B. festhalten) zu entziehen. 

 

Einerseits sind Kromis sehr lauf-, spring- und spielfreudig. Auch ist eine geistige Auslastung sehr wichtig. Nur spazieren gehen und nix dabei tun? Für einen Kromi, der seine Umwelt schon kennt, nicht ausreichend. Dann sucht er sich sehr schnell eigene Beschäftigungsmöglichkeiten, die uns Menschen meist nicht so gefallen. Auch drinnen sollte man immer mal das eine oder andere "Brain-Game" einbauen. Vor allem, wenn die Spaziergänge aufgrund des Wetters recht kurz ausfallen.

 

Andererseits müssen sie aber auch schon im Welpenalter lernen, zur Ruhe zu kommen und zu entspannen. Ansonsten hat man bald einen überdrehten Hibbelhund zu Hause. Es daher ist äußerst wichtig das richtige Verhältnis von Beschäftigung und Pause zu finden. Das kennen wir ja auch von uns Menschen: Dauerstress kann sogar zu körperlichen Erkrankungen führen!

 

Und dann noch zu dem Keck-sein. Kennst du das Wort? Es steht zum Beispiel für:

  • auffallend
  • charmant
  • fesch
  • flott
  • frecht
  • geistesgegenwärtig
  • herausfordernd
  • kess
  • kokett
  • locker-flockig
  • lustig wirkend
  • neckisch
  • respektlos
  • schamlos
  • taktlos
  • unbekümmert
  • ungeniert
  • ungezwungen
  • unverschämt
  • vorlaut
  • vorwitzig

Ich höre jetzt mal mit meiner Aufzählung auf. Aber es stimmt so sehr! Alle diese Synonyme für das Wort "keck", so wie sie da stehen, kann ich sofort für die Kromfohrländer unterschreiben.

 

Sicherlich sind alle Eigenschaften von Kromi zu Kromi unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie sind ja alle tolle Individuen, aber irgendwie und irgendwo trägt jeder Kromi diese Wesenszüge in sich. Kabou würde ich eher als temperamentvollen, sensiblen, nicht sonderlich selbstbewussten Casanova, der gerne alles unter Kontrolle hätte, beschreiben. Cataleya ist sicherer als Kabou, hat dafür das Wort "keck" mit allen seinen Ausprägungen für sich zu 100% gebucht. Trotzdem haben beide auch alle anderen Merkmale in sich und zeigen diese ebenfalls deutlich.


So. Und jetzt versuche dir mal vorzustellen, dem allen als Mensch gerecht werden zu müssen.

  • Da musst du selber sehr feinfühlig sein, um genau einschätzen zu können, welche Behandlung dein Kromi gerade braucht, damit er zwar klar und deutlich versteht, was du von ihm erwartest, aber nicht eingeschüchtert oder gar verängstigt ist.
  • Du musst die Körpersprache der Hunde gut lesen und dein Handeln (manchmal in Sekundenschnelle) daraus ableiten können.
  • Du musst es schnell realisieren, wann dein Hund dich (noch) nicht ernst nimmt, und wann du vielleicht schon "drüber" bist.
  • Du musst die sensible Seite der Kromis immer berücksichtigen, ohne dabei zu vergessen, dass sie auch einiges vom Terrier in sich tragen.
  • Du darfst dich nicht von der kecken Art einwickeln lassen.
  • ...

Letztlich geht es immer darum, mit allem das ausgewogene Maß zu finden. Und das fand ich als frisch gebackener Ersthundehalter alles andere als einfach. Ich finde es selbst heute manchmal noch schwierig. Klar, dass muss man mit jedem Hund. Aber nicht jeder Hund bringt so viele derart gegensätzliche Wesenszüge mit sich.

 

Außerdem verzeihen einem viele andere Hunderassen sehr viel mehr. Bei Kromis ist der Grat, auf dem man wandeln muss, ziemlich schmal. Bei anderen Rassen steht einem da eine 6-spurige Autobahn zur Verfügung.