Das Puber-Tier

ab ungefähr 6.-36. Monat

Ja, diese Phase ist lang. Und sie wird dir noch länger vorkommen! Jedoch ist es nicht so, dass die Hunde nun dauerhaft etwas verquer sind. Vielmehr handelt es sich um mehrere, verschiedene, hormongesteuerte Phasen. Die dauern manchmal nur wenige Tage, manchmal aber auch mehrere Wochen. Und diese Phasen sind unterschiedlich intensiv ausgeprägt.

 

Während der Pubertät passiert so viel mit deinem Hund: Zum einen wird er geschlechtsreif. Rüden fangen an das Beinchen zu heben und Hündinnen spannender zu finden als ihren Leinenhalter. Hündinnen werden zum ersten Mal läufig und vielleicht auch scheinträchtig.

 

Während der Pubertät erlebt man oft regelrechten Trotz bei den Hunden und sie scheinen alles bereits erlernte einfach wieder „vergessen“ zu haben. Ich stand mehrmals kurz vor der Verzweiflung. Vor allem während Kabous Pubertät, als er andere Rüden plötzlich gar nicht mehr ausstehen konnte. Cataleya wiederum neigte dazu, alles, aber auch wirklich alles, mit mir gründlich auszudiskutieren.

 

"Durchhalten" lautet nun die Devise! Dein Hund lebt im Hier und Jetzt, liebt dich bedingungslos und ist nicht nachtragend. Diese Eigenschaften solltest du dir am besten auch zulegen.

 

Alles was dein Hund nun anstellt - glaube mir - er macht das nicht, um dich zu ärgern. Vielmehr ist es so, dass er tatsächlich Vieles, was er gestern noch einwandfrei beherrscht hat, heute wirklich nicht mehr weiß. In dieser Zeit solltest du keinesfalls resignieren, sondern mit liebevoller aber unnachgiebiger Konsequenz weiter mit deinem Hund arbeiten. 

 

In einem Buch, was ich zu diesem Thema gelesen habe, wurde der Hirnzustand während der Pubertät mit dem Straßenbau verglichen: Beim Züchter wurden die ersten Trampelpfade im Gehirn angelegt. Bei dir wurden in der Junghundezeit Feldwege daraus. Aber nun sollen es schnelle Daten-Autobahnen werden. Und was muss man machen, um das hinzubekommen? Genau, man muss die bisherigen Wege erst mal zurückbauen. Die Verbindung existiert einfach vorübergehend nicht mehr. Jetzt wird zunächst ein ordentliches Fundament anlegt, vielleicht noch mal nachgebessert, alles festgerüttelt und erst dann kann der Teer aufgebracht werden.

 

Genau in dieser Abriss- und Wiederaufbau-Phase befindet sich derzeit dein Hund. Er will nicht mehr auf dich hören? Das "Sitz" einfach nicht mehr ausführen? Nein, er kann es nicht mehr. Ja, na klar, das Wissen ist noch da. Aber dein Hund kann es nicht mehr abrufen. Der Feldweg ist weg! Umgepflügt. Nicht mehr da. Durch häufiges Wiederholen und positives Bestärken von allem bereits Gelerntem, baut ihr gemeinsam an einem soliden Fundament mit lebenslang belastbarer "Teerschicht". Und dann klappt es auch wieder!

 

Leider geht das alles - wie bei menschlichen Teenagern - leider häufig mit ziemlich flegel- und rüpelhaften Verhalten einher. Dein Hund wird vermutlich auch leichter reizbar und erregbar sein. Außerdem wird er immerzu (und sehr ausdauernd) testen, ob du wirklich der Rudelführer bist, der du zu sein versprochen hast. Nur wenn du immer wieder aufs Neue beweist, dass du berechenbar, konsequent und souverän bist, wird sich dein Kromi auch in Zukunft immer und jederzeit auf dich verlassen und sich in deiner Gegenwart so sicher fühlen, dass er dir das Klären von Konflikten aller Art überlassen kann.

 

Ich weiß. Es ist anstrengend. Oftmals auch echt nervig. Aber es wäre fatal, jetzt aufzugeben und den Hund machen zu lassen. Dann baut dein Hund nämlich eigene, lebenslang haltbare Autobahnen auf. Und glaube mir: Die wenigsten davon werden dir wirklich gefallen!

 

Als wäre das alles noch nicht genug, kommen auch noch die ganzen hormonellen Veränderungen im Körper deines Hundes hinzu. Plötzlich bewertet er Gerüche ganz anders. Deshalb schnüffelt er sich nun auch immer häufiger irgendwo fest und vergisst dabei die Welt (und dich) um sich herum. Manchmal vergisst er sogar seinen eigenen Namen. Er bewertet auch seine Artgenossen neu; zumindest die, er bisher noch nicht kannte. Ist er bisher allen unbekannten Hunde fröhlich und unvoreingenommen begegnet, überwiegt nun vielleicht Skepsis oder Unsicherheit. Dein Hund merkt, dass nun alles irgendwie anders ist, versteht es aber noch nicht wirklich.

 

Das Interesse am anderen Geschlecht steigt. Allerdings kannst du nun auch sexuell bedingte Aggressionen gegenüber Rivalen beobachten. Das ist unabhängig davon, ob du einen Rüden oder eine Hündin besitzt.

 

Auf jeden Sieg bei Auseinandersetzungen (nicht nur bei den sexuell motivierten Auseinandersetzungen!!!) folgt eine Testosteronausschüttung. Auch bei Hündinnen. Das in diesem Zusammenhang ausgeschüttete Testosteron wird übrigens nicht nur in den Geschlechtsdrüsen produziert, sondern auch in der Hirnanhangsdrüse und in der Nebennierenrinde. Damit erklärt sich von selbst, dass eine Kastration keine Lösung für diese Problematik sein kann. Lediglich die weitere, konsequente Erziehung führt zu einem guten Ergebnis für alle Beteiligten.

 

Mit Ende des sechsten Lebensmonats bildet sich langsam ein Territorialverhalten und somit auch die Revierverteidigung aus. Auch hier hilft keine Kastration! Zeige deinem Hund einfach, dass du der Herr bzw. die Frau im Ring bist und die "Verteidigung" eures Besitzes übernimmst. Das sind wieder grundlegende Bausteine dafür, dass dein Hund dir vertrauen und sich bei dir sicher fühlen kann. Dann hat dein Hund es gar nicht nötig, euer Revier zu verteidigen, denn du sorgst ja dafür, dass nichts und niemand in Gefahr schwebt.

 

Häufig taucht während der Pubertät noch mal eine zweite "Angst- oder Unsicherheitsphase" auf. Brücken waren bisher kein Problem und jetzt traut sich dein Hund nicht mehr drüber? Er wehrt sich plötzlich mit allen Vieren, einen Fahrstuhl zu betreten? Er scheint zum ersten Mal zu bemerken, das man hinten durch die Treppe durchsehen kann? Zeige deinem Kromi einfach erneut in aller Ruhe, dass ihm keine Gefahr droht, und dass er zusammen mit dir alles schaffen kann.

 

All das und noch viel mehr kann dir mit deinen Puber-Tier passieren. Bloß nicht verzweifeln. Rufe dir immer wieder in Erinnerung: Die Feldwege sind abgerissen, und die Autobahn ist noch nicht fertig gestellt. Mir hat das Bild jedenfalls immer sehr geholfen, die Ruhe zu bewahren und es nicht persönlich zu nehmen, wenn sich meine Hunde nicht wie gewünscht oder erwartet verhalten haben.